(Quelle: main-treffer.de) Seligenstadts Trainer Lars Schmidt, der vor der Begegnung viele alte Bekannte auf Seiten seines ehemaligen Klubs Rot-Weiss Frankfurt begrüßen konnte, vertraute exakt jener Anfangsformation, die genau vor einer Woche an gleicher Stelle den 1. FC Eschborn mit 2:1 besiegt hatte.
RW-Trainer Daniyel Cimen musste dagegen im Vergleich zum 2:1-Heimsieg gegen Borussia Fulda auf einer Position umstellen. Der aufgrund seiner in diesem Spiel erhaltenen Gelb-Roten Karte gesperrte Tim Fliess wurde durch Milosz Adam Freund ersetzt.
Die Partie begann bei für einen 7. November ungewöhnlich angenehmen Temperaturen um die 20 Grad recht ausgeglichen. Beide Teams versuchten zwar zunächst nach vorne zu spielen, kamen aber über Ansätze nicht hinaus. So verstrichen die ersten 19 Minuten zwar intensiv, aber Tormöglichkeiten konnten weder hüben noch drüben notiert werden.
Die erste Torchance bot sich dann den Gästen vom Brentanobad, die sich nach etwa 20 Minuten leichte Feldvorteile erspielen konnten. Die Kopfballablage des Japaners Ko Sawada eröffnete Spielmacher Andre Fliess die erste Gelegenheit, doch der Schuss des Mittelfeldspielers wurde zum Eckball geklärt. Einige Minuten später setzte sich der technisch versierte Fliess auf der rechten Seite durch und sah in der Mitte Stürmer Cem Kara, dessen Abschluss von Mike Wroblewski im Sportfreunde-Tor pariert wurde.
Auch der Keeper traf wie Abwehrspieler Melih Gültekin und Stürmer Evanggelos Bellos auf seinen ehemaligen Klub. Nach einer halben Stunde flankte dann Milosz Adam Freund einen Freistoß in den Strafraum hinein und der aufgerückte Innenverteidiger Sven Kunisch kam zum Kopfball. Wieder klärte Wroblewski zur Ecke, der nach einem weiteren Eckball von Andre Fliess auch beim Kopfball von Kadir Fil zur Stelle war. Mehr Höhepunkte gab es in dieser mäßigen ersten Hälfte vor rund 340 Zuschauern auf dem Rasenplatz an der Zellhäuser Straße nicht zu verzeichnen. Somit ging es folgerichtig mit einem torlosen Remis in die jeweiligen Kabinen.
Nach dem Seitenwechsel kam Rot-Weiss besser in das Spiel und hatte seine beste Phase, die mit zwei Toren ihre Belohnung fand. Ghani Wessam Abdul, allseits nur unter dem Künstlernamen „Suma“ bekannt, hatte sich am linken Flügel durchgetankt und flach in die Mitte gepasst, wo der Japaner Ko Sawada den Fuß hinhielt und zum 1:0-Führungstreffer der Frankfurter traf (48.). Die genannte Spielminute war gerade eben abgelaufen, da konnte das Team von RW-Trainer Daniyel Cimen bereits ein zweites Mal jubeln. Andre Fliess hatte sich aus dem Mittelfeld kommend dynamisch nach vorne durchgesetzt und die komplette Abwehr der Hausherren überlaufen. Dann versenkte der ehemalige Nöttinger den Ball platziert in das lange Eck zum 2:0 für den Spitzenreiter (49.).
Und die Frankfurter hätten nachlegen können, ja müssen. Denn nur drei Minuten danach war Fliess am rechten Flügel erneut nicht zu halten und passte zu Jeremy Lundy, der in die Mitte zu Cem Kara passte. Doch der Ex-Offenbacher setzte das Spielgerät links am Kasten vorbei. Kurz darauf wurde Torjäger Varol Akgöz an der Strafraumgrenze zwar gefoult, aber Schiedsrichter Abdelkader Boulghalegh entschied auf eine Vorteilsituation und Kara zielte links am Tor vorbei. Sportfreunde-Trainer Lars Schmidt reagierte nun und brachte mit Marcel Kopp und dem US-Amerikaner Carlos McCrary zwei frische Offensivkräfte. Und plötzlich waren die Seligenstädter auch offensiv in der Partie. Der lange Angreifer Evanggelos Bellos konnte vor der Strafraumlinie nur durch ein Foulspiel gebremst werden.
Den fälligen Freistoß aus 17 Metern versenkte Michele Piarulli sehenswert zum 1:2-Anschlusstreffer in das linke Eck (62.). Allerdings profitierte der Seligenstädter davon, dass sich einige Frankfurter in der Mauer duckten und dadurch den Treffer erst ermöglichten. Zwar hätte Akgöz noch in der gleichen Spielminute im direkten Gegenzug nach einem Konter den alten Abstand wiederherstellen können, doch fortan drückten fast nur noch die Platzherren auf die Tube. Einen Schuss von Christopher Reinhard, dem ehemaligen Bundesligaspieler von Eintracht Frankfurt und des Karlsruher SC, konnte Ioannis Takidis im RW-Tor parieren.
Kurz darauf verlangten die zahlreichen Anhänger der Sportfreunde hinter dem Tor vehement einen Handelfmeter. Ein Abwehrspieler der Gäste soll nach einer unübersichtlichen Situation im Strafraum und dem Torabschluss McCrarys bei seiner Rettungsaktion die Hand zu Hilfe genommen haben. Der Unparteiische hatte dies nicht erkannt und entschied auf Weiterspielen. Die beste Chance der Brentanobad-Kicker, die Begegnung vorzeitig zu entscheiden, vergab nach einer Fliess-Flanke RW-Torjäger Varol Akgöz. Der Stürmer traf per Kopfball die Querlatte. Dann musste der Grieche Ioannis Takidis im Tor der Frankfurter sein ganzes Können aufbieten, um den Ausgleich zu verhindern. Bei einem tückischen und verdeckten Schuss des Seligenstädters Nikola Mladenovic kam Takidis gerade noch mit den Fingerspitzen an den Ball.
Dann tauchte Akgöz im Strafraum der Einhardstädter auf und hatte Keeper Wroblewski mit einem ansehnlichen Heber bereits überwunden. Aber der Stürmer hatte die Rechnung ohne den Seligenstädter Michele Piarulli gemacht. Der Italiener rettete in höchster Not auf der Torlinie und verhinderte damit die wohl endgültige Entscheidung. Vorne machten bei Seligenstadt der ehemalige Usinger Marcel Kopp und McCrary, vom FCA Darmstadt gekommen, mächtig Wirbel. So war es eine Co-Produktion der beiden Eingewechselten, die fast zum Ausgleich geführt hätte. Kopp flankte von links und McCrarys Kopfball knallte gegen die Latte. Drei Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit fiel dann aber doch noch der 2:2-Endstand, da das Abwehrverhalten der in weiß gekleideten „Roten“ nicht konsequent war. Das nutzte der Seligenstädter Patrick Hofmann aus und fand mit einem resoluten Flachschuss in die rechte Ecke die entscheidende Lücke zum vielumjubelten Ausgleichstreffer (87.). Das 2:2 hatte bis zum Ende Bestand, da in der vierminütigen Nachspielzeit nichts nennenswertes mehr geschah.
Der Abteilungsleiter der Seligenstädter Sven Kittler führte als Moderator durch die Pressekonferenz und schaltete dafür die Übertragung der Bundesliga-Konferenz im Vereinshaus für einige Minuten ab: „Wir haben die Bundesliga mal abgeschaltet, weil was ist die Bundesliga gegen so ein Hessenligaspiel? Es war ein emotionsgeladenes Topspiel und ein hervorragendes Hessenligaspiel“, zeigte sich Kittler begeistert über das Spiel und begrüßte die beiden Trainer Daniyel Cimen und Lars Schmidt, die beide als Aktive in der Bundesliga spielten. Der Frankfurter Trainer bei Eintracht Frankfurt zwischen 2005 und 2007 und der Seligenstädter Coach in der erfolgreichen Zeit des Karlsruher SC unter Trainer Winfried Schäfer in den Achtzigern und Neunziger Jahren inklusive des Einzuges in das UEFA-Cup-Halbfinale 1994 als Kapitän der damaligen Mannschaft.
Kittler monierte zunächst, dass die Gäste ihre Auswechselbank in einem „katastrophalen Zustand hinterlassen haben. Ich erwarte da ein gewisses Maß an Disziplin und wollte das hier auf der Pressekonferenz ansprechen, weil ich finde, dass das keine Nebensache ist“, kritisierte der Verantwortliche der Seligenstädter. „Vor dem Spiel wären wir mit einem Unentschieden zufrieden gewesen gegen den Tabellenprimus, der alles souverän runtergespielt hat, weil es eine Klassemannschaft ist. Ich habe bereits am Donnerstag in der Mannschaftssitzung gesagt, dass wir gegen diese Topmannschaften Stand halten können. Wir müssen eine kleine Serie starten und gefestigter werden, wenn wir solche Punkte zu Hause einfahren und unseren Zuschauern etwas servieren. Wir wollten zeigen, dass wir gegen diese Topmannschaften mithalten können und das zeigt die Arbeit, die im Moment fruchtet von Lars Schmidt und Karlo Wöll. Es war ein Klassespiel und hat allen Spaß gemacht“, betonte Kittler und übergab das Wort an RW-Trainer Daniyel Cimen.
„Wir haben ein für Hessenliga-Verhältnisse gutes Spiel gesehen. Ich denke, dass wir in der ersten Halbzeit dominiert haben, ohne uns Torchancen zu erarbeiten. Wir hatten gute Schusschancen und haben wenig bis gar nichts zugelassen in der ersten Halbzeit. Danach kamen wir sensationell aus der Halbzeit. Mit einem Doppelschlag führten wir mit 2:0. Danach ist es für mich unerklärlich, warum wir das Fußballspielen eingestellt haben. Das hat Seligenstadt stark gemacht. Nichtsdestotrotz war das 2:1 ärgerlich, wo wir in der Mauer nicht richtig stehen und sich drei oder vier Spieler ducken und der Ball dadurch in das Tor ging. Wenn sie sich nicht ducken, geht der Ball vielleicht an den Kopf. Nichtsdestotrotz hatten wir danach die Chance auf das 3:1 durch Kara und Akgöz. Ich glaube, dass es dann schwer geworden wäre für Seligenstadt noch einmal zurückzukommen. So kam hier richtig Stimmung auf und dann darf man sich nicht wundern, wenn sich der Spielverlauf so dreht und wir nur den einen Punkt mitnehmen“, lautete die Spielanalyse von RW-Coach Daniyel Cimen. Auf die Frage von Kittler, ob Rot-Weiss auch aufsteigen möchte, antwortete Cimen: „Ich beantworte diese Frage zum hundertsten Mal. Wir sind sehr glücklich, dass wir in dieser Position stehen. Die Jungs haben sich das hart erarbeitet. Sie liefern Woche für Woche Superleistungen ab. Es ist schwer für mich zu sagen, dass wir Meister werden wollen. Natürlich sagt keiner nein, wenn wir am Ende der Saison dort stehen. Wir wollen weiter von Spiel zu Spiel denken. Wir haben noch vier sehr schwierige Spiele. Dann kann man sich als Verein oder muss man sich sogar mit dem Aufstieg beschäftigen. Es wäre ja fahrlässig, wenn wir erst am Ende der Saison anfangen würden, uns über die Regionalliga Gedanken zu machen. Stand heute ist das kein Thema für uns, weil es noch sehr viele Spiele sind. Aber wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen. Dann ist es zwangslüfig, dass man in der Tabelle sehr weit oben steht“.
„So ein Spiel hat immer verschiedene Phasen. In der ersten Halbzeit war es so, dass wir aufgrund der spielerischen Stärke von Rot-Weiss teilweise die Vorwärtsbewegung vergessen haben. Insofern konnten wir keine Torchancen kreieren. Trotzdem konnten wir mit einem 0:0 in der Halbzeit noch einigermaßen zufrieden sein. Ich muss mir mal überlegen, was ich von der Ansprache her falsch gemacht habe, denn die Mannschaft wirkte eingeschläfert. Dann stand es 0:2 und dann hat man es normalerweise gegen eine Mannschaft wie Rot-Weiss, wenn sie Räume bekommen, ganz schwer. Komischerweise ist das für uns in der letzten Zeit so ein Signal, um sich wieder zusammenzuraufen. Wir haben in Fulda und gegen Eschborn zurückgelegen und dann spielen wir auf unser Tor. Der Mut nach vorne zu spielen war da und die Mannschaft gibt nie auf. Das ist ein großes Kriterium, was ich toll finde im Moment. Sie schaffen es immer wieder in das Spiel zurückzufinden. Ich habe dann gewechselt und das hat auch einigermaßen gegriffen. Rot-Weiss hatte mit Marcel Kopp und Carlos McCrary mehr Probleme und letztendlich war das 1:2 etwas glücklich, weil wenn die Mauer ordentlich stehen bleibt, passiert es nicht. Wir haben dann trotzdem permanent weiter Druck gemacht. Rot-Weiss hat noch einen Ball von der Linie geholt und den hat einer wie ein Torwart festgehalten. Der Schiedsrichter hat es nicht so gesehen. Wir haben den Druck aufgebaut und insofern bin ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis von 2:2. Es war eine ordentliche Leistung und ein ordentliches Spiel von beiden Parteien. Ich wünsche den „Roten“ alles Gute und hoffe, dass sie auf dieser Tabellenposition bleiben bis zum Ende und wir uns weiter stabilisieren“, lautete das Fazit von Seligenstadts Trainer Lars Schmidt.
 
Sportfreunde Seligenstadt: Wroblewski; Gültekin, Leis (55. Kopp), Reinhard, Hofmann, Bellos (55. McCrary), Hertrich. Löbig, Stefani, Mladenovic, Piarulli – Trainer: Lars Schmidt
 SG Rot-Weiss Frankfurt: Takidis; Mus, Freund, Fil (82. Pllana), Andre Fliess, Akgöz, Lundy, Sawada, Kunisch (66. Topcagic), Abdul, Kara (89. Grigorian) – Trainer: Daniyel Cimen
Schiedsrichter: Abdelkader Boulghalegh. Zuschauer: 340
Tore: 0:1 Ko Sawada (48.), 0:2 Andre Fliess (49.), 1:2 Michele Piarulli (62.), 2:2 Patrick Hofmann (87.)